Digital Botschafter
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Die Geschichte hinter den DigiBos

Ein Bericht von Anja Thimel

Senioren bilden einen Kreis mit ihren Armen und blicken gemeinsam in die Kamera.

Als freiberufliche Medienpädagogin unterstütze ich gerne das Projekt Digitalbotschafterinnen und -Botschafter RLP und habe bereits mit viel Freude bei einigen Schulungen mitgearbeitet. Dabei habe ich viele interessante und engagierte Menschen kennengelernt. Die jüngste Teilnehmerin war 40, der älteste Teilnehmer 82 Jahre alt. Die Geschichten, Beweggründe und Haltungen der Digital-Botschafter (DigiBos) in spe sind so verschieden wie die der Menschen, die sie auf ihrem Weg in die digitale Welt begleiten möchten.

Da ist zum Beispiel Frau W. Seitdem die Kinder groß sind, hat sie einige Kapazitäten frei, und Frau W. sucht schon lange ein attraktives Ehrenamt. Da sie sich sehr für Computer, Smartphone, Tablet und Co. interessiert, hat sie sich von dem Projekt Digital-Botschafterinnen und -Botschafter RLP sofort angesprochen gefühlt. Herr K. dagegen war in seinem Berufsleben für die IT-Sicherheit in einem großen Industrieunternehmen zuständig. Er kennt sich bestens aus, was den Schutz vor Hackern und Viren betrifft und weiß, welche Einstellungen man an seinem Computer, Tablet oder Smartphone vornehmen muss, um gut geschützt zu sein. Ebenso wie Herr R., der früher bei der Polizei gearbeitet hat und heute Seniorinnen und Senioren in Punkto Schutz vor Betrügereien berät. Er weiß, wie man sich im Internet verhält, um nicht Opfer von Datenmissbrauch und Abzocke zu werden, und möchte gerne seine ehrenamtliche Sicherheitsberatung für Seniorinnen und Senioren auf den digitalen Bereich ausweiten. Frau S. hat in ihrer Firma als Systemadministratorin gearbeitet. Sie kennt sich sehr gut mit dem PC und den Office-Programmen aus und möchte ihr Wissen gerne teilen.

Frau B. arbeitet in der Altenpflege und unterrichtet künftige Altenpflegerinnen und -pfleger. Sie kennt die Bedürfnisse und Probleme der Menschen in den Pflegeeinrichtungen genau und ist ganz nah an ihnen dran. Sie hat viele Ideen, wie sie das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen mithilfe der digitalen Medien bereichern kann. So auch Frau S., die bereits ehrenamtlich als Bewegungstrainerin mit Seniorinnen und Senioren arbeitet und dadurch mit ihrer künftigen „Kundschaft“ gut bekannt ist. Frau T. ist mit zwei Kollegeinnen bereits seit geraumer Zeit in einer Pflegeeinrichtung erfolgreich ehrenamtlich tätig. Das Trio möchte sich den Digital-Botschafterinnen und -Botschaftern anschließen, sich mit ihnen vernetzen und von den zahlreichen Weiterbildungs- und Materialangeboten der Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter profitieren.  So auch die Herren M. und P., die sich durch den gemeinsamen Sport kennen und seit ihrer Pensionierung in einem Seniorentreff Ansprechpartner für die digitalen Fragen und Nöte der Menschen dort sind.

Frau H. begeistert sich für Tablets. In der Nachbarschaftshilfe, in der sie sich schon lange engagiert ist, ist sie bekannt für ihre Vorliebe und dadurch zu einer stattlichen Sammlung ausrangierter Tablets gekommen. Daher kennt sie die verschiedenen Betriebssysteme und Modelle und ist für die Menschen in der Nachbarschaftshilfe eine noch bessere Ansprechpartnerin geworden. Die ehemalige Maschinenbauingenieurin Frau D. betreut heute alte Menschen in ihren Wohnungen. Sie sorgt nicht nur für Ordnung und Sauberkeit und erledigt die Einkäufe, sondern hilft bei allen Belangen des Alltags, so ganz selbstverständlich auch bei Fragen rund um den Computer. Herr N. war früher in der IT-Abteilung eines Unternehmens tätig und arbeitet noch immer als Coach. Sein Motto heißt: Nicht der Computer hat Dich in der Hand, sondern Du den Computer! Du kannst ihn jederzeit ausschalten und bestimmst selbst, wann und wie Du ihn nutzt. Damit nimmt er den Menschen die nicht selten vorhandene Scheu vor den digitalen Geräten. Frau G. ist lokalpolitisch tätig. Sie verfügt über ein hervorragendes Netzwerk und hat Zugang zu Räumlichkeiten und Technik. Ihre Stärke ist die Organisation und der Umgang mit Menschen. Ob sie selbst genügend digitales Know-How hat, weiß sie nicht genau, dennoch hat ihr die Idee der Digitalen Stammtische gefallen, zu denen man sich per Videotelefonie zuschalten kann: Das möchte sie in ihrem Heimatort gerne angehen.

Herr W. war früher bei der Telekom. Seine Spezialität ist die Installation von Routern und die Einrichtung des WLAN. Er kann sich vorstellen, eine Telefonsprechstunde einzurichten und nach Verabredung zu den Menschen nach Hause zu kommen. Ein Angebot, das sicherlich sehr gefragt sein wird! Als ehemaliger Schuldirektor bleibt Herr G. seiner Berufung gewissermaßen treu, nur werden seine Schülerinnen und Schüler jetzt eben etwas älter sein. Herr V. ist als Mathematiker Spezialist für das Innerste der digitalen Rechner und die kompliziertesten Programmierungen. Geerdet ist er durch seine Frau, die Gehirntraining mit Seniorinnen und Senioren macht und ihn zum neuen Ehrenamt angeregt hat.

Frau T. schwebt vor, Bekannte in ihr Wohnzimmer einzuladen oder in einem Café zu treffen, um dort gemeinsam den Umgang mit Smartphone und Tablet zu üben. Sie ist sich noch ein wenig unsicher, ob ihre Kenntnisse dafür ausreichen. Aber sie muss gar nicht unbedingt einen Wissensvorsprung haben – allein, dass sie den Treffpunkt und die Möglichkeit zum Austausch anbietet, ist Gold wert und wird sicher gerne angenommen. Bei der Gruppenarbeit zur Ausarbeitung konkreter Angebotsformate ist den Schulungsteilnehmenden aus Rheinhessen, einem Landstrich  mit ausgeprägter Weinkultur, die Idee gekommen, einen Stammtisch in einer Weinwirtschaft anzubieten: Natürlich findet man auch dort Seniorinnen und Senioren. Mit einer Freifunk-Lösung[1], mit der die Gastronominnen und Gastronomen mit einem minimalen Kostenaufwand freien Internetzugang für die Gäste bereitstellen können, würde man für beide Seiten einen Vorteil schaffen: Die Seniorinnen und Senioren können in entspannter Atmosphäre gemeinsam lernen, und das ein oder andere Viertel wird sicher auch konsumiert.

Es geht bei dem Konzept der Digital-Botschafterinnen und -Botschafter keineswegs darum, ein ausgeklügeltes pädagogisches oder didaktisches Programm anzubieten und möglichst umfangreiches Detailwissen zu vermitteln. Vielmehr kommt es darauf an, die Begeisterung für die digitalen Möglichkeiten weiterzugeben, ihren Nutzen und den Spaß mit ihnen anschaulich zu machen, Interesse zu wecken, Ängste zu nehmen und damit Seniorinnen und Senioren einen Erfahrungsraum zu eröffnen, um die digitalen Medien kennenzulernen und den Umgang mit ihnen zu üben – und das möglichst „niedrigschwellig“, wie es im pädagogischen Fachjargon heißt. Das bedeutet, dass die Hemmschwelle, die zum Beispiel die Anmeldung zu einem Computerkurs an einem Weiterbildungsinstitut für viele Menschen mit sich bringt, umgangen wird, indem man sie dort aufsucht, wo sie ohnehin schon sind. Damit wird dem Angebot die Schwere genommen, es wird als eher beiläufig und natürlich wahrgenommen, ohne dabei beliebig zu sein. Mindestens ebenso wichtig wie das Lernen sind die Begegnung mit anderen und die Möglichkeit, sich auszutauschen.

Mit ein wenig Verständnis für die digitalen Geräte und der Unterstützung des DigiBo-Netzwerks, vor allem aber mit viel Empathie und Offenheit, ist man gut für die Aufgabe der Digital-Botschafterin oder des Digital-Botschafters gerüstet. Man sollte nicht unterschätzen, was die Menschen untereinander, und nicht nur von den Ehrenamtlichen, lernen und was diese von ihren Adressatinnen und Adressaten lernen können. So sind die DigiBo-Schulungen immer auch eine Bereicherung für die Dozentinnen und Dozenten – ich jedenfalls komme von jedem einzelnen Schulungstag mit neuem Wissen, mit neuen Erfahrungen und neuer Inspiration nach Hause.

[1] Infos dazu finden Sie unter www.freifunk-mainz.de